Die Fotografie am Scheideweg? Ein Kommentar von Kevin Winterhoff

Die Fotografie am Scheideweg © Kevin Winterhoff

„Geiles Foto! Tolle Arbeit! Super Lichtstimmung!“ – die Kommentare unter Fotos auf sozialen Medien sind oft kurzgehalten. Dennoch beziehen sie sich in den meisten Fällen auf das Foto, den Fotografen und den festgehaltenen Moment. Doch wie viel des präsentierten Fotos geht wirklich auf den festgehaltenen Moment zurück?

Die Fotografie am Scheideweg © Kevin Winterhoff
  Wie viel davon ist Bearbeitung? Was ist die echte Fotografie?

Die Fotografie am Scheideweg © Kevin Winterhoff

Früher und Heute

Räumen wir gleich am Anfang mit dem Vorurteil auf, dass früher alles ehrlicher und echter war in der Fotografie. Verschiedene Filme verursachten ganz unterschiedliche Farben, Kontraste und auch Bildeindrücke. Die Technik der Doppelbelichtung, künstlich längere oder kürzere Belichtung und Entwicklung ließen auch damals schon unheimlich viel an Fotoveränderung zu. 

Die Fotografie am Scheideweg © Kevin Winterhoff

Mit dem Einzug der digitalen Technik und der Computer, als fester Bestandteil der Bildpräsentation und Bearbeitung, kann man dennoch von grundlegenden Veränderungen sprechen. In vielen Genres der Fotografie war von Anfang an die Bildbearbeitung und Bildoptimierung ein natürlicher Schritt in der Arbeit des Fotografen. In der Naturfotografie war das nicht so. Dies hatte verschiedene Gründe.

Die Fotografie am Scheideweg © Kevin Winterhoff

Kunst und Naturfotografie

Die Naturfotografie hatte von Beginn an eine weniger künstlerische Ausrichtung als andere Genres. Es ging insbesondere bei der Tierfotografie vorerst um die Dokumentation und Bestimmbarkeit von Arten auf den Fotos. Sie dienten sozusagen als Nachweis einer Sichtung und galten deutlich mehr als Bestimmungsmöglichkeit denn als künstlerischen Umsetzung eines Motivs. Dementsprechend wurden in diesem Bereich auch künstlerische Sichtweise, wie minimalistische Darstellungen oder bewusstes Anschneiden von Tieren kritisch gesehen.

Die Fotografie am Scheideweg © Kevin Winterhoff

Fotografie ist Kunst und Kunst ist per se einer zeitlichen Entwicklung unterworfen. Das gilt für die Malerei mit den Epochen, ebenso wie für die Baukunst oder auch die Musik. Fotografie ist da keine Ausnahme. Dabei sind einige Genres deutlich fortschrittlicher als andere und die Intensität der (erlaubten) Verfremdung höchst verschieden.

Die Fotografie am Scheideweg © Kevin Winterhoff

Soziale Medien und Fotografie

Mit der Erfolgsgeschichte von sozialen Medien ist eine Explosion der Fotopräsentation verbunden. Soziale Medien funktionieren vor allem aufgrund von Fotografien, was daran liegt, dass Menschen nun einmal visuelle Wesen sind. Lässt man den Tastsinn im Alltagsleben einmal außen vor, nehmen Menschen 80% der Wahrnehmung durch visuelle Reize war. Zudem hat der visuelle Sinn den Vorteil grenzenlos agieren zu können, während andere Sinne die lokale Nähe zu einem Ereignis brauchen. Es ist also nicht verwunderlich, dass besonders das Sehen für Menschen so begeisternd ist.

Im Konkurrenzkampf der Aufmerksamkeit in sozialen Medien prägen sich Extreme immer weiter aus. Das bezieht sich sowohl auf den Inhalt der Fotografien, als auch auf die Bearbeitungen. Dadurch kann man schnell zu der Frage kommen, ob Naturfotografien noch wirklich Realitäten zeigen und wenn dies nicht so ist, ob das überhaupt schlimm ist?

Fotografen fühlen sich durch nichts mehr beleidigt, als wenn ihre eigene Leistung bei der Betrachtung eines guten Bildes zurück gestellt wird. Da wird schnell ganz tief in die Phrasenkiste gegriffen, um den Satz „der Fotograf macht das Foto, nicht die Kamera“ herauszuholen. Aber stimmt das wirklich noch? Wenn man einigermaßen fit in Lightroom und Photoshop ist, könnte man das auch ganz anders sehen: Das Foto als Grundlage einer Präsentation, auf welcher man beliebig verändern und interpretieren kann. Eine Kunst auf der Kunst sozusagen. Es braucht jedenfalls heute für eine beachtenswerte Bildpräsentierung mehr, als die grundlegende Fähigkeit eines gutes Bild zu machen. 

Die Fotografie am Scheideweg © Kevin Winterhoff

Instagram und Naturfotografie

Spätestens mit der Generation der Instagrammer wurden Outdoorfotografien zum weltweiten Trend. Berge + Nebel + kalte Bearbeitung + orangene Jacke = Instahit. Eine sehr verkürzte Rechnung, aber sie ist nicht ganz unzutreffend. Selten hat man mehr Menschen mit dampfenden Kaffeetassen, brennenden Lagerfeuern oder knalligen Regenjacken in Alpenkulissen oder vor Wasserfällen gesehen, als in der Zeit des anhaltenden Instagram-Hypes. Eine Sehnsuchtsstillung, das Gefühl des Draußenseins, der erlebten Wildnis! Nur eben nicht real, sondern per Touch auf das Smartdevice gezaubert. Das Befriedigen der Sehnsucht nach Natur und Wildnis von der heimischen Couch aus, während man aufs Smartphone schaut.

Die Fotografie am Scheideweg © Kevin Winterhoff

Machen wir uns nichts vor. Ein Foto muss gut sein um begeistern zu können. Komposition, Licht und Szenerie müssen stimmen. Die Bildbearbeitung kann aber ein Bild in seinen Grundzügen verändern. Aus einem Sommerbild, wird ein düsteres Herbstbild, aus einer normalen Lichtsituation wird mittels kleinerer Anwendungen mit dem Radialfilter ein lichtdurchflutetes Wunderland. Ein sehr guter Fotograf wird ohne ebenso gute Bearbeitung heute kaum noch Beachtung bekommen. Die Möglichkeiten der Bearbeitung und Veränderung durch digitale Prozesse hat die Möglichkeiten der Fotografischen Effektsetzung überholt und teils konterkariert.

Ich habe keine Antworten und auch keine abschließende Meinung auf die zahlreichen Fragen und Themen dieses Artikels. Es ist auch nicht mein Ziel diese allgemeingültig zu beantworten, weil es nicht möglich ist und die Sichtweisen individuell zu unterschiedlich sind. Ich finde es aber wichtig diese aufzuwerfen, sich kritisch mit Kunst, aktuellen Moden und Ausprägungen der Fotografie zu beschäftigen. Denn Fortschritt entsteht immer dann, wenn der Status quo hinterfragt und kritisch beäugt wird und wenn über diesen gestritten wird. Daher würde ich es interessant finden ihre Meinung zu hören…

Alle Bilder dieses Beitrags in der Übersicht

Kevin Winterhoff
Naturfotograf

Mit 13 Jahren kaufte sich Kevin Winterhoff seine erste Kamera und mit 18 Jahren wurde die Naturfotografie dann zu einem ernsthaften Hobby.
"Ich finde in der Natur alles, was ich brauche. Es ist für mich Ausgleich zu stressigen Zeiten und wenn ich alleine durch Feld und Flur laufe, kann es mir eigentlich gar nicht besser gehen. Ich für meinen Teil erkenne einfach Gottes Größe in der Natur, daher ist es auch mein Ziel mit meinen Fotos diese zu vermitteln. Mein Ziel bei der Naturfotografie ist es Menschen Freude und Lust an der bzw. auf die Natur zu machen und das meine Bilder dazu dienen, dass die abgebildeten Geschöpfe den Schöpfer groß machen!"

Facebook: Winterhoff Photography / Instagram: @winterhoff_photography

 

6 Comments

  • Bernd Helber
    27. April 2018 at 21:16 — Reply

    Ein wirklich denkwürdiger Beitrag… persönlich ist die Fotografie für mich ja an sich nur ein wunderbares Hobby, aber gerade in der Naturfotografie, für die ich mich seh interessiere, schon allein aus Eigennutz, um meinen Patenkindern Tierbücher unserer heimischen Tierarten zu basteln. Was mich persönlich angeht, ich versuche möglichst wenig nach zu bearbeiten. Weniger weil es nicht möglich ist, ich bin nur der Meinung man sollte Tiere möglichst unverfälscht darstellen, wenn das Tier das Motiv ist…. soll das Tier nur ausschmücken um eine Landschaftsfotografie aufzuwerten… und mit einer künstlerischen Idee ohne dokumentarischen Charakter, eine persönliche Vorstellung umzusetzen. Erlaubt ist finde ich alles, ob man jeden Trend mit machen muss? Wir Naturfotografen wollen doch eigentlich alle das gleiche, auch wenn wir mit unterschiedlichem handwerklichen Fähigkeiten ausgestattet sein mögen, wir wollen den Menschen die Schönheit der Natur näher bringen, neugierig machen und die empfundene Freude darin wieder geben. Die Mittel und Wege dieses Ziel zu erreichen, können ja durchaus verschieden sein. :-). Ein schönes Wochenende und Gut Licht.

    • SIGMA (Author)
      3. Mai 2018 at 9:33 — Reply

      Hallo Bernd, na da haben es deine Patenkinder aber gut! Das ist ja wirklich eine tolle Idee! Das Problem, mit dem sich viele Fotografen wohl konfrontiert sehen ist die Tatsache, dass sie eine Situation ‘schöner oder spannender’ wahrnehmen als sie tatsächlich ist. Dieses Gefühl versuchen sie dann aber im Nachhinein in das Foto ‘hineinzubasteln’. Wenn man Menschen für die Natur begeistern möchte, gelingt dies auf solchem Wege vielleicht schneller oder besser. Denn ein genereller ‘Outdoor-Trend’ lässt sich auch entdecken und das ist, wenn verantwortungsvoll mit der Umwelt umgegangen wird, doch eine super Sache. Schöne Grüße, dein SIGMA Social Media Team

  • Marco
    2. Mai 2018 at 23:40 — Reply

    Die allermeisten Fotos – so kitschig viele davon bei Instagram auch sein mögen – sind echt. Die Leute haben sich tatsächlich dort hinbegeben, haben auf passables Licht oder entsprechende Verhältnisse gewartet. Sicherlich wird danach noch kräftig getuned, Farbstimmungen, Kontraste dramatisiert usw. Ein Landschaftsmaler macht es im Prinzip genauso, er übertreibt, akzentuiert und verändert, übersetzt das was er empfindet so auf die Leinwand. Immer mit dem Ziel, das Gefühl für den Ort, oder eine Situation über das Bild an den Betrachter zu transportieren. Über die künstlerische Tiefe sagt natürlich noch nichts aus, aber das ist wieder ein anderes Thema. Dennoch, aus einer grundlegend ungünstigen Bildkomposition, wird auch per PS und Co. nichts tolles werden.

    • SIGMA (Author)
      3. Mai 2018 at 9:22 — Reply

      Hallo Marco, ich glaube, man kann eigentlich niemals von ‘dem echten’ Foto sprechen. Kein Sensor oder Film ist in der Lage die Natur völlig ‘naturgetreu’ wiederzugeben. Denn dazu müsste man erstmal definieren, was überhaupt naturgetreu ist. Jedes Auge sieht anders und jeder Kopf nimmt anders wahr, daher sollte man vielleicht vom Grad der Echtheit sprechen. Aber letztendlich muss jeder selbst entscheiden, wieviel Bearbeitung in seine Bilder fließen soll. Schwierig wird es nur, wenn etwas als ‘naturgetreu’ angepriesen wird, es aber (wg. Bearbeitung, etc.) nicht ist. Schöne Grüße, dein SIGMA Social Media Team

      • Marco
        3. Mai 2018 at 22:35 — Reply

        Wie Ihr richtig anmerkt, eine “naturgetreue” Abbildung kann es nicht geben, alles ist eine Interpretation, sowohl auf technischer als auch auf biologischer Ebene. Film und Sensor interpretieren das Bild bereits auf chemischer (Emulsion, Entwicklung) bzw. Hardwareebene (Algorithmen, AD Wandler etc) und jeder Mensch sieht in einem Bild aufgrund seiner spezifischen Konditionierung etwas anderes. Man weiß nicht, ob der blaue Himmel im Kopf eines Anderen genauso “aussieht”. 🙂
        Letztlich gibt es jedoch bestimmte Muster welche eine Mehrzahl von Menschen als besonders schön empfinden. Darauf hin werden viele Fotos ausgerichtet und bearbeitet. Soweit Ok, finde ich, es geht ja nicht um nüchterne Pressefotografie. 😉
        Mit “echt” meinte ich aber vielmehr, dass diese Leute tatsächlich vor Ort waren und dort ein Foto aufgenommen haben. Grüße Marco

  • STEAMROLLER
    20. Mai 2018 at 11:42 — Reply

    Ein Foto transportiert das Geschehen zum Zeitpunkt der Aufnahme. Ein gutes Foto transportiert Emotionen. Nicht jede Aufnahme spiegelt sofort die Wahrnehmung des Fotografen wider, die besondere Stimmung des eingefangenen Moments oder die Emotion, die der Fotograf mit seinem Bild vermitteln möchte. Hier kann sinnvoll eingesetzte Bildbearbeitung
    helfen. Trotzdem sind die Wahrnehmung des Fotografen während der Aufnahme und das Empfinden des Betrachters völlig subjektiv. Was ist also reale Wirklichkeit?
    Wie ist es mit Schwarz-Weiss-Aufnahmen, die mehr Interpretationsspielraum des Betrachters zulassen.
    Unecht wird es doch immer dann, wenn es die abgebildete Situation aufgrund der Bildbearbeitung so nie gegeben hat, oder beim Betrachter bewusst ein Eindruck erweckt wird, der mit dem Geschehen vor der Kamera nichts mehr zu tun hat.

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