Madrid – Summer in the City

Blick über die spanische Haupstadt © Andreas Lier

Die Hitze des Sommers trifft mich wie ein Faustschlag, als ich aus dem Fernbus trete. Es ist halb zehn am Abend und die Sonne ist bereits vor einer halben Stunde untergegangen. Das Thermometer zeigt trotzdem 29 Grad. Um mich herum ein Wirrwarr aus Stimmen. Busse kommen an, andere starten in die Nacht. Im ersten Moment überfordern mich all die Menschen und ich bin etwas desorientiert. Nach der Stille auf dem Jakobsweg und dem weiten Blick über das Land ist der erste Moment in Spaniens Hauptstadt Madrid ein Schockmoment.

Mit der Metro fahre ich in die Innenstadt. Nachdem ich meinen Rucksack in dem kleinen, hübschen Hotel abgestellt habe, bin ich mit Dara verabredet. Dara habe ich auf dem Jakobsweg kennengelernt und heute ist ihr letzter Abend, bevor sie morgen wieder nach Budapest zurückkehrt. Begleitet wird sie von Pedro, einem Madrilenen, den sie vor mir auf dem Camino getroffen hat. Ich freue mich sehr, Dara wieder zu treffen. Ihre positive Art mit den Dingen umzugehen und ihr herzerfrischendes Lachen sind ansteckend. Ich erinnere mich, wie sie einmal die Tagesetappe auf dem Camino einfach auf ihr Bein gemalt hat. Das ist äußerst pragmatisch und unorthodox, in jedem Fall aber herzerwärmend. Es ist der 15. August, Maria Himmelfahrt, oder Asunción de la Virgen Maria, wie der Feiertag auf spanisch heißt. Die ganze Stadt scheint heute Nacht auf den Beinen zu sein. Auf jedem Platz sind Bühnen aufgebaut. Überall wird gelacht, gesungen, gefeiert. Bis zum Sonnenaufgang ziehen wir durch die Nacht. Dann falle ich lächelnd und müde in mein Hotelbett.

Tags darauf bin ich ein Tourist. Weil nur Touristen in der Mittagshitze von einer Sehenswürdigkeit zur Nächsten ziehen. Bei 35 Grad im Schatten lasse ich mir von der Sonne den Verstand aus dem Kopf prügeln. Aber so ist das nunmal als Tourist. Von der Gran Via, wo mein Hotel liegt, gehe ich in die Innenstadt. Die Puerta del Sol ist heute das Zentrum der spanischen Metropole. Ursprünglich war es im 15. Jahrhundert eines der Stadttore von Madrid. Wer auf Shoppingtour ist, wird hier und in den umliegenden Straßen fündig. Über die Plaza Major, vorbei an der Markthalle, gehe ich zum Palacio Real. Ich habe Glück, denn am Ticketschalter ist gerade keine hundert Meter lange Schlange.

Palacio Real © Andreas Lier

Palacio Real © Andreas Lier

Die kühle Luft im Palast ist wie Seide, die mir über die Haut streicht. Auch das Licht in den herrschaftlichen Räumen ist weich wie Seide. Verzierungen an den Wänden und Decken, Kronleuchter von enormen Ausmaßen. Wo man hinsieht Möbel und Preziosen von feinster Handwerkskunst. Anfangs sind es Privaträume, in denen die königlichen Herrschaften gelebt haben. Mal ist es ein Spielzimmer mit kleinen Spieltischen, an denen die Damen Karten gespielt haben. Mal ein Schlafgemach mit Betten mit Baldachinen unter denen geschlafen, geträumt oder geliebt wurde. Dann folgen immer größere Räume, die in ihrer Pracht im Ballsaal gipfeln. Das Deckengemälde von Tiepolo lässt die Macht erahnen, die hier einst residierte. Im Thronsaal, wo Könige und Königinnen der Habsburger und Bourbonen gekrönt wurden, spürt man, daß man im Zentrum einer einstigen Weltmacht steht. Hier wurden politische Entscheidungen getroffen, die weit über die Grenzen Europas gewirkt haben.

Thronsaal @ Andreas Lier

Auf der Plaza de Espana thront ein weiterer König, ein König der Literatur. Das Buch „Don Quijote de la Mancha“ von Miguel de Cervantes gilt als eines der größten Werke der Literaturgeschichte. In Spanien wird er bis heute verehrt. Die zwölf Novellen, die das Gesamtwerk bilden, sind eine Parabel auf das Streben des Menschen und seinem Scheitern an der Realität. Cervantes blickt wie ein Vater von oben auf seinen „Sohn“. Der Ritter von der traurigen Gestalt reitet voran auf seinem Ross Rosinante, gefolgt von seinem guten Gefährten Sancho Panza. Das Denkmal mit seinen Bronzefiguren wirkt lebensecht, in den Gesichtern spiegeln sich all die Facetten des menschlichen Drama.

Palacio de Cristal © Andreas Lier

Cervantes Monument @ Andreas Lier

In den kommenden Tagen besuche ich das Museum Reina Sofia, in dem das Original von Pablo Picasso´s „Guernika“ zu sehen ist. Ich besuche den Retiro Park und den Tempel von Debod. Im Prado staune ich über die großartigen Bilder und Skulpturen. Besonders die Gemälde von Goya und Velasquez ziehen mich in ihren Bann. Aber am beeindruckendsten ist der „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch. Es gibt Kunstwerke, die solche überirdische Kraft ausstrahlen, dass sie nicht mehr nur mit dem Verstand zu erfassen sind.

Arte Reina Sofia © Andreas Lier

Madrid ist nicht einfach nur eine Stadt. Sie ist eine europäische Metropole, ein Knotenpunkt der Geschichte und der Kunst, ein Blick in die Vergangenheit und ein Ort, der die Zukunft erträumt. Sie ist eine sinnliche Erfahrung. Vielleicht sehe nur ich das gerade so. Ich bin noch beeinflusst von den Erlebnissen des Jakobsweges und meine Seele fühlt sich an wie ein Boot, daß auf wiegender See in den Sonnenaufgang aufbricht. Alles um mich herum wirkt sanft und milde. Aber vielleicht liegt es auch am Sonnenaufgang mit seinem goldenen Licht, dass auf dem Metropolis Gebäude den Tag erwachen lässt. Madrid ist ein Brillant, in dem sich das Licht bricht und in alle Richtungen strahlt. Madrid ist ein Lied, das sich tief ins Herz vergräbt. Wie ein Song, dessen Glanz man auf ewig mit der ersten Liebe verbindet.

Vorverkaufsstelle für den Stierkampf

Edifici © Andreas Lier

Mit der dp2 Quattro hat SIGMA ein wunderbares Stück technischer Raffinesse für Fotografen gebaut. Das hochwertige Objektiv in Verbindung mit dem hoch auflösenden Sensor, seine Bedienbarkeit und der haptische Eindruck verdienen Beachtung. Als Reisekamera entfaltet sie ihr Potenzial durch ihre Einfachheit. Kein überfrachtetes Menü, klar strukturiert sind die Bedienelemente. Man merkt, dass SIGMA eine Kamera entworfen hat, die gegen den Strom schwimmen will. Sie konzentriert sich auf Bilder von beeindruckender Qualität. Sieht man dann die Ergebnisse in SIGMA Photo Pro, der für das hauseigene Format entwickelten Software, ist Dynamik und Bildtiefe höchst erfreulich. Satte Graustufen und exakte Farben geben den Aufnahmen einen natürlichen Look. Ich würde sie jederzeit wieder mit auf Reisen nehmen.

Alle Bilder dieses Beitrags in der Übersicht

Andreas Lier
Andreas Lier
Freier Fotograf aus Hamburg

„Das Wichtigste ist die Aussage eines Bildes. Auch wenn ich eine Geschichte als Thema entwickle, steht immer das individuelle Bild im Vordergrund. Es muss für sich alleine stehen können.“

Im Alter von zehn Jahren bekommt ein Junge eine Kamera geschenkt. Er beginnt, die Welt durch den Sucher zu betrachten. Bald müssen Objektive und ein Blitzgerät angeschafft werden. Ein Labor wird auch eingerichtet. Zu der Zeit ist die digitale Revolution noch weit entfernt. Es folgen verschiedene Ausbildungen, die Techniken werden verfeinert. Während der Ausbildung zum Grafik Designer kommt das Glück ins Spiel. Die Lehrerin im Fach Fotografie eröffnet eine neue Sicht. Weniger technisch, mehr beobachtend. Der Moment des Auslösens wird entscheidend. Ein Bild kann eine Geschichte erzählen. Darin liegt die wahre Größe der Fotografie.
Von 1992 bis 2007 entstehen viele Reisereportagen; unter Anderem in Asien, West- und Südafrika, Amerika und Europa. Es folgen Buchveröffentlichung, diverse Artikel in Reisemagazinen, später verlagert sich die Arbeit in die Musikszene. Eine Werkschau mit dem Titel „Stille/Laut“ - Fotografien von 1990-2015, war 2015 im Kulturgold in Hamburg zu sehen.

Email: info@lierfoto.com / Website: lierfoto.com / Instagram: @lierfoto / Twitter: @lierfoto

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